Rezension zum Film “Much Loved“

Der neue Nabil Ayouch Film “Much Loved“ (2015) erzählt die Geschichte von vier Frauen, die in Marrakesch ihre Lebensunterhalt mit Prostitution verdienen. Noha ist alleinerziehende Mutter, die das Geld für ihre Kinder und alte Mutter braucht. Soukaina lebt in ihrer eigenen imaginären Welt, wo nur die Liebe herrscht und wo sie auf ihren Prinz wartet. Randa hat weniger Bock auf Prostitution und zwingt sich mit allen täglich auszugehen. Hilma ist schwanger und wurde von dem Vater ihres Kindes verlassen, so sucht sie eine Absteige, die die anderen Drei ihr geben.

Jede mit eigenen Träumen und Erwartungen, sind diese Frauen dazu gezwungen, Tag für Tag allen Wünschen ihrer Kunden zu folgen. In knapp zwei Stunden werden zahlreiche weibliche Kniffe gezeigt, die den arabischen Frauen helfen, am Leben zu bleiben. Das Genre des Films kann man sicher dem Drama zuordnen.
Themen des schwierigen arabischen Alltags, der Gleichgültigkeit, Armut und Gewalt sind für Ayouch nicht neu: die Protagonisten/innen in seinen früheren Filmen wurden diesen Problemen auch gegenüberstehend dargestellt. In „Much Loved“ hat der Regisseur die Prostitution in Marokko ganz offen dargestellt und dementsprechend die Diskussion über das Frauenbild in der arabischen Welt auf das neue Niveau erhoben. Das Niveau wurde so hoch, dass die Hauptdarstellerin Loubna Abidar für ihr exzellentes Spiel nach Frankreich flüchten musste und dass der Film in Marokko verboten wurde und seine Premiere in Cannes in 2015 mit zahlreichen öffentlichen Protesten in Tunesien einhergegangen war. Die ganzen medialen Diskussionen um das widersprüchliche Bild der arabischen Frau haben „Much Loved“ mit momentanem Sold out versorgt.

"Much Loved" (c) ALFILM

“Much Loved” (c) ALFILM

Wobei die Prostitution schon ein übliches Motiv in der Filmkunst ist, macht Ayouch daraus etwas neues und stellt das in den arabischen Kontext, was für den westlichen Zuschauer eher ungewöhnlich zu sein scheint. Dank der allgemein verbreiteten Bilder von Arabern, kontrastieren die vier Protagonistinnen sehr stark mit der gewohnten Vorstellung über die arabische Frau.

Noha trägt ihr Tuch nur, wenn sie Familie ihre besucht, von der sie getrennt wohnt. Die Männer sind hier keine Versorger – durch den ganzen Film wird gezeigt, wie Männer Frauen behandeln: respektlos, grob, in manchen Szenen bloß tierisch. Die Frauen in „Much Loved“ haben nur ihren Fahrer Said auf den sie sich verlassen können oder wer ihnen hilft. Auch die Polizei in Marokko kann die Frauen nicht wirklich beschützen. Aber in diesem scheinbar düsteren Dunkel menschlicher Beziehungen bleibt immer noch ein Platz, wo die vier Prostituierten sich selbst fühlen können und vor den anderen keine Angst haben müssen – in ihrer Wohnung, wo die verführerischen Vier wohnen.

"Much Loved" (c) ALFILM

“Much Loved” (c) ALFILM

Das ist tatsächlich sehr interessant, wie Ayouch als ein Mann, die weibliche Seele und ihre Sorgen verstanden konnte und diese auf die Leinwand übertragen hat. Zwischen den Vieren herrscht eine Harmonie, die sie, egal was passiert, ständig in sich tragen. Das ist der entscheidende Moment, der diesen Film von allen anderen solcher Thematik unterscheidet (z.B. „Lilja 4-ever“, 2002; oder russischer Film „Точка”, 2005). Der Nachgeschmack ist angenehm, “Much Loved” hinterlässt kein schlechtes Gefühl. Das ist eine berührende Geschichte über die echte weibliche Freundschaft, die man egal wo auf der Erde finden könnte. Bei Nabil Ayouch wickelt sich die Handlung ganz konkret in Marokko ab und dadurch wird man dem westlichen Auge mehr Denkanstöße über die Frauenposition in arabischen Ländern gegeben. Allein deswegen ist dieser Film sehenswert. Über das ausgezeichnete Spiel aller vier Darstellerinnen kann man lange schreiben, jedoch ist es besser, sich den Film einfach selbst anzusehen.

von Volha Karas

Diese Filmkritik entstand innerhalb des von ostPost berlin und EastWest e.V. durchgeführten Workshops „Nächster Halt – Filmkritiker/in!“ im Rahmen des Projekts „WIR HIER! Kein Platz für Muslimfeindlichkeit in Europa – Migrantenorganisationen im Dialog“ im Frühling/Sommer 2016. Diese Veranstaltung bestand aus fünf inhaltlichen Treffen und vier Kinobesuchen bei dem Arabischen Filmfestival ALFILM. Während des Workshops wurden die Fähigkeiten des Schreibens einer Filmkritik sowie Kenntnisse über die Darstellung der Minderheiten in den Medien vermittelt. Das Projekt “WIR HIER!” wurde durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kofinanziert.

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