Filmkritik zu Nabil Ayouchs “Much Loved”

Marokko, Frankreich – 2015, 103 Min. Mit Loubna Abidar, Asmaa Lazrak, Halima Karaouane, Sara Elhamdi Elalaoui und Abdellah Didane.

Verschleiert, unterwürfig, scheu – so stellt man sich in Europa meistens eine arabische Frau vor. Doch diese gängigen Stereotypen werden in Nabil Ayouchs Film Much Loved untergraben. Der französisch-marokkanische Regisseur erzählt von vier Prostituierten in Marrakesch, die sich durchs Leben schlagen.

Noha, Randa und Soukaina verdienen Geld, indem sie ihren Körper an reiche saudische und europäische Touristen verkaufen. Ihre Vorgeschichte wird nicht erzählt, was die Frauen zur Prostitution gezwungen hat, erfährt der Zuschauer nur andeutungsweise.

"Much Loved" (c) ALFILM

“Much Loved” (c) ALFILM

Man taucht sofort in die Welt der käuflichen Liebe ein. Es wird gekokst, geschminkt und geplaudert. Das Trio macht sich für den Abend fertig. In der nächsten Szene sieht man sie in schönen Kleidern und hohen Schuhen vor einer Luxus-Villa vorfahren. Am Steuer sitzt Said, ihr treuer Bodyguard und Chauffeur, der sie von einer Nachtschicht zur anderen fährt.

Die nächsten zehn Minuten zeigen eine wilde Party-Szene: Dutzende Frauen lachen, tanzen, bewegen sich wie Katzen auf allen vieren über den Boden, trinken Shots, springen in den Pool und scheinen Spaß zu haben. Ist es nur ein Schauspiel, um mehr Geld zu verdienen und gleichzeitig Schuldgefühle zu unterdrücken? Schließlich bedeutet der Job nicht nur ungezügelte Freiheit, die in der arabischen Welt durch strikte gesellschaftliche Normen den meisten Frauen verboten ist, sondern auch Erniedrigung. Die „gefallenen Frauen“ haben keinen Schutz. Es gibt keine Tabus und keine Verantwortung im Umgang mit ihnen. Selbst von der Polizei werden sie ausgebeutet.

Neben den ausführlichen Bildern aus ihrem Arbeitsalltag, zeigt Nabil Ayouch seine Protagonistinnen auch in anderen Rollen – als liebende Mütter, innige Freundinnen und ganz einfach Menschen, die Träume haben. So will Noha ihrer Mutter und ihren beiden Kindern ein besseres Leben bieten. Rührend ist eine Szene, in der sie ihre Familie besucht – mit Kopftuch und schwarzem Gewand. Man sieht keine entschlossene, starke Noha mehr, sondern eine fürsorgliche Tochter und liebende Mutter, die aber verachtet und verstoßen wird. Das Geld soll sie weiterhin beschaffen, aber nicht mehr zu Hause erscheinen, damit der Ruf der Familie nicht beschädigt wird. Randa, erfährt der Zuschauer, interessiert sich eigentlich für Frauen und träumt von einem Leben in Spanien. Doch ihre Pläne, ein neues Leben in Europa anzufangen, scheitern an der Bürokratie. Soukaina, im festen Glauben an die angebliche Liebe ihres Freiers Ahmed, verlässt ihren mittellosen Freund, der sie ohnehin nur noch ausgenutzt hat. Aber auch dieser Handlungsstrang hat kein Happy End und die Frau landet mit starken Verletzungen im Gesicht im Krankenhaus. Hilma, ein schwangeres Mädchen aus dem Dorf, schließt sich als vierte dem eingespielten Trio an. Sie wird letztendlich ihr Kind verlieren. Ungeachtet aller Schwierigkeiten halten die Frauen zusammen und träumen weiter. „Was siehst du? Ein Flugzeug. Und wohin fliegt es? Zu einer fernen Insel. Da sind wir ehrbare Frauen. Und die Männer behandeln uns wie Damen.“

In diesem Dialog steckt die politische Botschaft des Films. Im Gegensatz zu den gängigen Bildern, stellt Nabil Ayouch entschlossene, Widerstand leistende arabische Frauen dar, die gegen patriarchalische Strukturen kämpfen. Ihre Lebensweise ist ein Protest gegen die Unterdrückung der Frauen durch die Männer im Orient. Einen besonderen Wert erhält dieser Protest durch die Tatsache, dass er nicht von der Perspektive der westlichen Frauenrechtsaktivisten ausgeht, sondern unmittelbar von den Opfern des Systems erzählt.

Das Drama thematisiert eine Reihe von sozialen Problemen wie Sextourismus, Kinderprostitution, Korruption, Unterdrückungssysteme, wirtschaftliche Armut. Trotz der schonungslosen Inhalte entbehrt Much Loved nicht einer gewissen Komik und schafft es, Optimismus auszustrahlen. Der Zuschauer verlässt den Kinosaal nicht mit einem bedrückten Gefühl, sondern mit dem Glauben an echte Freundschaft und mit der Hoffnung, dass Noha, Randa, Soukaina und Hilma irgendwann ihr Glück im Leben finden werden.

"Much Loved" (c) ALFILM

“Much Loved” (c) ALFILM

Dieser Glaube wird jedoch leider enttäuscht, wenn man erfährt, dass Much Loved in Marokko einem Aufführungsverbot unterliegt und die Hauptdarstellerin Loubna Abidar nach mehreren Morddrohungen nach Frankreich auswandern musste.

von Maria Dyakonova

Diese Filmkritik entstand innerhalb des von ostPost berlin und EastWest e.V. durchgeführten Workshops „Nächster Halt – Filmkritiker/in!“ im Rahmen des Projekts „WIR HIER! Kein Platz für Muslimfeindlichkeit in Europa – Migrantenorganisationen im Dialog“ im Frühling/Sommer 2016. Diese Veranstaltung bestand aus fünf inhaltlichen Treffen und vier Kinobesuchen bei dem Arabischen Filmfestival ALFILM. Während des Workshops wurden die Fähigkeiten des Schreibens einer Filmkritik sowie Kenntnisse über die Darstellung der Minderheiten in den Medien vermittelt. Das Projekt “WIR HIER!” wurde durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kofinanziert.

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