Wo ist Dein Zuhause, Odysseus?*

Reuven Snir, Professor für Arabische Sprache und Literatur an der Universität Haifa, beschrieb 2010 in einem hochspannenden Artikel wie er – ein Jude  – seine eigene arabische Identität entdeckte. Snir beschreibt mit großer Wehmut, dass er, durch das israelische Bildungssystem geprägt, seinem Vater – dem arabischen Juden aus dem Irak – verboten hat die arabische Dichtung zu zitieren. Fünf Jahre nach dem Tod des Vaters entdeckte Snir dann seine Wurzeln aufs Neue. An seine Geschichte dachte ich, als ich im melancholisch-lyrischen Film “They were promised the sea” von Kathy Wazana saß, der im Rahmen des 7. Arabischen Filmfestivals Berlin lief.

Die Regisseurin Kathy Wazana, die mit ihren Eltern Marokko mit 10 Jahren verließ, selbst arabische Jüdin, beschäftigt sich in beiden bislang von ihr gedrehten Filmen mit den schwierigen Fragen der Entwurzelung von arabischen Juden und der jüdisch-arabischen Identität. In ihrem 2013 gedrehtem Dokumentarfilm “They were promised the sea” (Kanada/Marokko, 74′) zeigt sie auf eine einfühlsame Weise eine tragische Seite der Geschichte der arabischen Juden, die der Öffentlichkeit beinahe unbekannt ist. Am ehesten drückt diese Tragik wohl die Hauptprotagonistin des Films, Shira Ohayon, eine bekannte Feministin und Aktivistin, ebenso eine arabische Jüdin, aus: “In Marokko bin ich eine Israelin, in Israel bin ich marokkanische Jüdin: und nirgendwo bin ich richtig zu Hause.” In der israelischen Schule hat Ohayon gelernt, dass “die Araber Feinde und zu bekämpfen seien”, aber den “Feind” in ihr selbst zu bekämpfen ist für sie ein Irrsinn. Von dem arabischen Teil ihrer Identität will sich nicht zurücktreten.

Arabische Juden kamen nach Israel überwiegend mit der großen Welle der jüdischen Übersiedlung aus Nordafrika  und  dem Nahem Osten, die in den 1950er-1960er Jahren stattfand. Diese Auswanderung erfolgte zum einen nach antijüdischen Pogromen in den jeweiligen Ländern, zum anderen aber auch – wie im Fall der marokkanischen Juden, die vorwiegend ein friedliches Miteinander in Marokko kannten – durch Anwerbung der israelischen Regierung. Entgegen den Versprechen hat man sie in Israel nicht entlang der Küste angesiedelt, sondern mehrheitlich in die Dörfer mitten im „Nichts“, nahe der jordanischen Grenze gebracht. Diese Migranten, die eigentlich “ins gelobte Land” zurückkehrten, fanden in Israel in vielerlei Hinsicht doch kein neues Zuhause: bei der Arbeitssuche wurden sie diskriminiert, Arabisch sollten sie vergessen und ihre arabische Identität ablegen. Heute stellen arabische Juden etwas weniger als die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung Israels, sind aber in der Bildung immer noch unterrepräsentiert. Laut einer Studie von 2004, verdienen die “Ashkenazi” (europäische Juden) 36% mehr, als die “Mizrahim” (arabische Juden).

They were promised the Sea_05©ALFILM

“They were promised the Sea”, (c) ALFILM

In dem Film “They were promised the sea” kehrt die Regisseurin Kathy Wazana 35 Jahre nach ihrer eigenen Auswanderung in ihr Heimatland zurück – sie begleitet die Aktivistin Shira Ohayon auf ihrer Reise nach Marokko. Auf der Suche nach den Spuren von Ohayons Eltern und den früher dort einmal lebenden Juden treffen wir verschiedene Protagonisten aus der jüdisch-arabischen Szene Marokkos  – von Simon Lévy, dem – inzwischen verstorbenen – Direktor des Jüdischen Museums in Casablanca bis André Azoulay – einem arabischem Juden, der ein Berater des Königs Mohammed VI. von Marokko ist. Wir kommen auch mit einem in New-York lebenden arabisch-jüdischen Israeli ins Gespräch, der in die USA auswandern musste, um sein Zuhause zu finden. Der Film ist begleitet von herzergreifender andalusischer und sephardischer Musik, die am Ende von “Soufi Orchestra of Tétouan” mit einem jüdisch-arabischen Solisten-Duo den Zuschauer fast in die Trance führt. Für die ganze Last der Geschichte, die der Film inhaltlich in sich trägt, ist er in seiner Form überraschend schwerelos, mehr sogar – an manchen Stellen wohltuend: der Zuschauer wird sofort von den unendlichen dunkelgelben marokkanischen Landschaften mitgenommen. Mit den ersten Filmsequenzen hören wir den Gesang von Françoise Atlan, einer in Frankreich geborenen sephardischen Jüdin, ihre Stimme vertont für uns bis dahin scheinbar unbewohnte marokkanische Wüste. Sie erwacht im Einklang mit dieser Musik vor unseren Augen zum Leben: wir sehen Menschen, schlendern mit der Hauptprotagonistin durch die marokkanischen Gassen, besuchen eine wiedereröffnete Synagoge, lauschen Gesprächen.

Das große Verdienst von Wazanas Film ist vor allem, dass sie nicht nur die jüdisch-arabische Geschichte aus der Vergessenheit hervorholt, sondern dieser ein Gesicht, sogar mehrere konkrete Gesichter gibt. Dabei führt sie uns vor Augen, dass ein friedliches Miteinander sehr wohl möglich ist – wenn wir es lernen in dem Anderen nicht einen “Fremden” zu sehen, sondern nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Diese Gemeinsamkeiten haben wir mit jedem – wir müssen nur erkennen, dass die Identität eines Menschen nie homogen ist. Im Gegenteil – sie verändert sich ständig, je nach dem von welchen sozio-kulturellen Prägungen der Mensch gerade beeinflusst wird. Wazanas Film, der 2013 herauskam, ist daher ein Muss für uns alle – weil er uns daran erinnert, dass die Aufteilung auf “Fremde” und “Unsere” heute nicht mehr funktioniert. Der am Anfang dieses Textes erwähnte Reuven Snir sagt in seinem Artikel: “(…) man kann das arabischsprachige Judentum erforschen (…) nachdem die Geschichte der arabischen Juden zu Ende ist.” Wazana wartet darauf nicht und begibt sich augenblicklich auf die Suche – und bewahrt so womöglich diese Geschichte vor ihrem Ende.

"They were promised the Sea", Poster

“They were promised the Sea”, Poster

* Zitiert nach Tymofiy Havryliv

Verfasserin: Oleksandra Bienert

Diese Filmkritik entstand innerhalb des von ostPost berlin und EastWest e.V. durchgeführten Workshops „Nächster Halt – Filmkritiker/in!“ im Rahmen des Projekts „WIR HIER! Kein Platz für Muslimfeindlichkeit in Europa – Migrantenorganisationen im Dialog“ im Frühling/Sommer 2016. Diese Veranstaltung bestand aus fünf inhaltlichen Treffen und vier Kinobesuchen bei dem Arabischen Filmfestival ALFILM. Während des Workshops wurden die Fähigkeiten des Schreibens einer Filmkritik sowie Kenntnisse über die Darstellung der Minderheiten in den Medien vermittelt. Das Projekt “WIR HIER!” wurde durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kofinanziert.

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