Regisseur Benjelloun träumt sich in die koloniale Welt seiner Kindheit zurück

Das diesjährige Spotlight des Alfilm – Arabischen Filmfestival in Berlin lag auf jüdisch-arabischen Identitäten im postkolonialen kulturellen Diskurs. Die Tragikkomödie „Where are you going Moshé?“ des marokkanischen Regisseurs Hassan Benjelloun (Marokko/Kanada) aus dem Jahr 2007 rückt in bunten Farben und oft comicartigen Szenen eine in Deutschland weitgehend unbekannte Migrationsgeschichte in den Blick: Die vom jungen jüdischen Staat organisierte „Alija“ der marokkanischen Juden, die Rückkehr ins Gelobte Land nach der Unabhängigkeitserklärung Marokkos von Frankreich 1956.

Where are you going Moshe, (c) ALFILM

Boujad ist ein marokkanisches Bergstädtchen, in dem jüdische und arabische Familien in weiten orientalischen Gewändern Tür an Tür leben und Hand in Hand arbeiten. In den verwinkelten Gassen organisiert der Rabbi heimlich mit Mossad-Männern in auffälligen Nadelstreifen-Anzügen die Flucht seiner Gemeinde nach Israel. Nach einem nur vermeintlich konspirativen Treffen in der Synagoge, dämmert auch den arabischen Mitbürgern, das die Juden nach Israel auswandern werden. Die muslimisch-konservative Obrigkeit frohlockt, da die einzige Bar nach geltendem Recht geschlossen werden muss, sobald kein Nicht-Muslim mehr im Städtchen wohnt. Die gesellige, multikulturelle Trinkkultur dort, französische Tänze zu jüdisch-marokkanischer Geigenmusik, alles Überbleibsel der Kolonialzeit, sind dem Bürgermeister schon lange ein Dorn im Auge. Dem Wirt dagegen, der die Bar von einem Franzosen geerbt hat, droht das Zentrum des Stadtlebens und mit dem Alkoholausschank seine Einnahmequelle zu verlieren.

Die Abreise der jüdischen Bevölkerung soll in drei Nächten im Kleinbus erfolgen. Einige der jüdischen Bewohner zweifeln, ob sie ihre Heimat wirklich verlassen sollen, andere sind voller romantisch-zionistischer Vorstellungen. Der Friseur, der Arzt und der Uhrmacher Shlomo, alle drei alt mit runzeligen Gesichtern, hadern am meisten. Sie haben ihr ganzes Leben in Boujad verbracht und können sich ein Leben in der Fremde nicht vorstellen. Doch nach und nach packen alle ihre kleinen Koffer, in die nur wenige Erinnerungstücke und Habseligkeiten passen, und versammeln sich am nächtlichen Treffpunkt. Die Nervosität, Unsicherheit und Angst vor der Zukunft seufzt der Rabbi vor dem Kleinbus laut heraus, als er wünscht, die Gemeinde werde doch nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie die europäischen Juden. Shlomo zögert die Abfahrt seiner Familie bis zur letzten Möglichkeit hinaus. Vom um seine Existenz und seine Bar zitternden Wirt und den Stadtvätern durch ein Fernglas beobachtet, verlässt Shlomo jedoch ohne seine Familie wieder den Bus und bleibt. Nun wird der Uhrmacher Shlomo zum gefeierten Geiger. Die Bar trägt ihm zu Ehren den Namen „Chez Shlomo“ und die Feierabende in Boujad können weiter gefeiert werden, wie zu französischen Zeiten. Alle Bargänger umsorgen Shlomo, als einzig verbliebener Nicht-Muslim soll er sich bei ihnen wohlfühlen. Doch auch Shlomo verlässt schließlich Boujad, jedoch nicht nach Israel, sondern zu seiner Tochter nach Frankreich. Bedeutet das Happy End für Shlomos Familie nun unweigerlich das endgültige Aus für die Bar in Boujad?

Filmbild aus “Where are you going Moshe”, (c) ALFILM

Der Regisseur Benjelloun hat selbst als Kind die plötzliche Flucht der Juden aus seiner Heimatstadt erlebt. Seine muslimische Familie wohnte mit jüdischen Familien in einer Straße, die Kinder spielten gemeinsam. Erst im hohen Alter macht er darüber, 2007, einen Film.

Benjelloun bedauert den Weggang der Juden aus seiner Heimat. Er sehnt sich zurück in die Zeit des multikulturellen Zusammenlebens im Marokko seiner Kindheit, ein Miteinander wie es zwischen Muslimen und Juden nur unter den Franzosen möglich war. Seine Nostalgie zeigt sich, wo man sepia erwarten würde, in grell-bunten Farben. Den Brain-Drain Marokkos nach der Unabhängigkeit, ausgelöst durch die Emigration der gebildeten Juden, die Ärzte, Anwälte und Handwerker waren, thematisiert Benjelloun nur indirekt. Er wählt das humoristischere Motiv des drohenden Verlusts der Bar. Unterschiedliche Haltungen der jüdischen und muslimischen Figuren zum Verlassen der Heimat zeigt er zwar, doch wirken sie nicht sehr überzeugend. Shlomos Bleiben ist nachvollziehbar, die Beweggründe seiner Frau und Tochter zu Gehen bleiben dagegen blass. Israel ist nicht das Land der Sehnsucht der marokkanischen Juden. Benjelloun zeigt in stereotypen Sequenzen, das überfüllte Auswandererschiff, die anstrengende Wanderung durch die Wüste, die Ankunft der „Neuen“ im Kibbuz, Massenunterkünfte, Arbeitslosigkeit und vor allem, dass die marokkanischen Juden in Israel „Marokkaner“ bleiben. Ihre Integration in die israelische Gesellschaft scheitert. Der Titel „Where are you going, Moshé?“ ist eine Anspielung auf ein unveröffentlichtes Theaterstück eines verstorbenen Freundes des Regisseurs. Eine Figur Moshé kommt im Film gar nicht vor. Auch diese Wahl des Titels ist ein Hinweis darauf, dass Benjelloun den Film aus etwas zu nostalgischen Gefühlen gedreht hat. Es bleibt aber sein Verdienst, das Thema der Emigration der Juden aus seinem Heimatland mit seinem Film in das Bewusstsein der marokkanischen und nun auch Berliner Öffentlichkeit gerückt zu haben.

Verfasserin: VS

Diese Filmkritik entstand innerhalb des von ostPost berlin und EastWest e.V. durchgeführten Workshops „Nächster Halt – Filmkritiker/in!“ im Rahmen des Projekts „WIR HIER! Kein Platz für Muslimfeindlichkeit in Europa – Migrantenorganisationen im Dialog“ im Frühling/Sommer 2016. Diese Veranstaltung bestand aus fünf inhaltlichen Treffen und vier Kinobesuchen bei dem Arabischen Filmfestival ALFILM. Während des Workshops wurden die Fähigkeiten des Schreibens einer Filmkritik sowie Kenntnisse über die Darstellung der Minderheiten in den Medien vermittelt. Das Projekt “WIR HIER!” wurde durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kofinanziert.

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