Polen nach der Stunde Null

Rezension für das Buch: Iwasiów I. Bambino. Swiat Ksiazki, 2008.

Ein vom Krieg erschüttertes Land und Volk. Im Westen liegen nun an Polen neu angegliederte Territorien, die darauf warten, neues Leben eingehaucht zu bekommen. Die Helden des Romans „Bambino“ von Inga Iwasiów wollen sich dies zur Aufgabe machen. Sie kommen aus unterschiedlichsten Ecken Polens, ihr Gepäck sind schreckliche Erinnerungen an den Krieg. Jeder hat seine eigene Geschichte, Hoffnungen und Pläne. Sie alle lernen sich in einer Milchbar (bar mleczny) namens „Bambino“ kennen. Hier beginnt die neue Geschichte eines jeden Helden.

In dem Roman werden vier Hauptcharaktere vorgestellt. Marysia kommt aus Kresy, Anna aus Gorlic und Janek aus Wielkopolska. Nur Ulas (Ulrike) Heimatstadt ist Stettin. Dort ist sie geboren und aufgewachsen. Nach dem Krieg fühlt sie sich plötzlich fremd in dieser Stadt. Weil Ula eine Deutsche ist, verbirgt sie ihre Herkunft.

Ula und Anna arbeiten in der Milchbar Bambino, wo Marysia und Janek sich kennenlernen. Später heiraten Marysia und Janek. Sie bekommen ein gemeinsames Kind – eine Tochter. Ihr größter Wunsch ist alles, was sie in ihrer Kindheit nicht gehabt haben, diesem Kind zu geben.

„Bambino“ von Inga Iwasiów ist nicht frei von sentimentalen Tönen. Die Erinnerung an die vergangenen Zeiten erfolgt mit einem Lächeln. Das Ende von „Bambino“ ist traurig, aber nicht hoffnungslos. Die Figur des Kindes scheint wie ein Licht am Ende des Tunnels. Der Titel des Buches hat eine doppelte Bedeutung – der Name der Milchbar und Kind. Bambino ist das italienische Wort für Kind. Das Kind symbolisiert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, den Beginn des neuen Lebens, Änderungen.

Die 1963 in Stettin geborene polnische Schriftstellerin Inga Iwasiów ist in Deutschland eher unbekannt. In Polen ist sie eine bekannte Literaturkritikerin und Professorin an der Universität Stettin, wo sie die Abteilung für Geschichte der polnischen Literatur des XX und XXI Jahrhunderts leitet. Als eine der ersten polnischen Kritikerinnen und Feministinnen beschäftigt sie sich mit Kulturtheorie. Inga Iwasiów hat bereits mehrere Werke verfasst, die in Polen gerne gelesen werden. Zu den bekanntesten gehören ihre RomIwasiow_Portrait_webane „Na krótko“ (2012), „W powietrzu“ (2014), „Pięćdziesiatka“ (2015) sowie das fiktive Diptychon, das aus den Romanen „Bambino“ (2008) und „Ku słońcu“ (2010) besteht. 2009 kam die Autorin unter die Finalisten des Literaturpreises Nike.

Iwasiów erzählt eine dramatische Geschichte über Menschen, die ständig versuchen, ihre Lebensrolle zu definieren. Wieder und wieder geben sie sich Mühe und versuchen ungeschickt, Abschied von der Vergangenheit zu nehmen. Das bestimmt ihr Schicksal. Diese Menschen prägen die Stadtgeschichte und jeder von ihnen hat eine eigenartige emotionale Beziehung zu der Stadt Stettin.

Für die Autorin werden die Mitarbeiter und Kunden der Milchbar „Bambino“ zu ganz Polen. Mit viel Liebe und Mühe erzählt und inszeniert sie die Geschichte ihrer Figuren im „Bambino“, das seit Jahren ein besonderer Spiegel der Realität ist. Und in diesem Spiegel zeigt die Autorin, was Glück für die Menschen ist.

Trotz verschiedener persönlicher Verbindungen ist „Bambino“ nicht autobiografisch. Jedoch weckt die Milchbar viele nostalgische Erinnerungen bei der Autorin. Wie Inga Iwasiów selbst in einem persönlichen Interview gesagt hat, haben einige ihre Freundinnen in der Milchbar gearbeitet. Als häufiger Gast der Milchbar hatte die Autorin Gelegenheit, das Leben des locus kennenzulernen. Das ist nur eine Form der Erinnerungen, die literarisch bearbeitet sind, eine Reminiszenz, die seit Jahren in eine Art von Stadtgeschichte eingegliedert ist. Die Milchbar „Bambino“ wurde ein Teil davon. Sie hat eine konkrete Adresse. Man könnte sogar nach den im Roman erwähnten Orten eine topographische Karte von Stettin zeichnen. In der Nähe der Milchbar hat die Autorin damals auch gewohnt. Inga Iwasiów hat eine eigene Topographie, die nur ein Teil von der Stadt ist. In diesem Sinn ist die bar mleczny „Bambino“ ein eigenartiger Mikrokosmos. Das scheint eine historische Parallele zu sein. Größere Teile der Stadt (besonders der Innenstadt) haben ihre Form noch während des Deutschen Reiches (Preußische Königreich) erhalten.

Die Milchbar „Bambino“ existiert schon lange nicht mehr in Stettin. Seitdem hat auch die Stadt sich verändert. Laut Iwasiów bleibt aber die melancholische Stadtseele, wie im Roman dargestellt, unverändert.

Obwohl die Wurzeln immer tiefer gehen, umfasst die Hauptgeschichte nur ca. 40 Jahre (zu kurz um ein ganzes Menschenleben zu beschreiben). Jedoch hat die Auswahl des Zeitrahmens einen besonderen Grund. Diese 40 Jahre sind die Zeit der Volksrepublik Polen. Als Leitmotiv für die Geschichte dienen die kurzen Bemerkungen über das Leben in der Vorkriegszeit, die einzelnen Personen und deren Charakter. Die historische Sicht der Volksrepublik ist natürlich wichtig, gilt aber nur als Hintergrund für den Roman. Man kann das Buch auch ohne diese Kenntnisse verstehen. Die Erzählung endet kurz vor der Wende. Politische Spannungen gehören nicht zu Inga Iwasióws Stettin.

Das Buch von Inga Iwasiów nimmt die Leser auf eine lebendige Reise in die Vergangenheit einer kleinen polnischen Stadt in den Nachkriegsjahren mit. Der Roman bietet die Möglichkeit, sich mit dieser Umbruchzeit neu auseinanderzusetzen.

Frau Iwasiów liest am 29. Januar 2016 um 19 Uhr ausgewählte Passagen aus dem Buch „Bambino“ in der Buchhandlung ostPost berlin. Die Veranstaltung findet in polnischer Sprache statt. Tickets sind hier zu bekommen.

Bambino_I.IwasiówWeiterführende Quellen: Interview mit Frau Iwasiów, 5.12.2015
Foto (c) Foto: K. Dubiel

Von A. Ivanov
Lektorat: NoWa

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